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20 Tage - mindestens

Ich geh‘ dann mal. Nach den Sternen greifen. Anders als gewöhnlich leben. Wie Urlaub.


Laut Bundesurlaubsgesetz besteht für alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit einer 5-Tagewoche in Deutschland ein Mindesturlaubsanspruch von 20 Tagen pro Jahr.

WTF. Ich sitze hier. In meinem Sommerurlaub zuhause. So dolle habe ich mich auf meinem August gefreut. Sommerpause. Einfach mal die Seele baumeln lassen. Nichts tun. Oder auch neue Ideen kommen lassen. Die erste Woche ist nun fast um. Das Gefühl von Lethargie macht sich breit. Ich fühle mich noch nicht bereit schon in die zweite Woche zu steppen. Die erste war gefühlt wie eine Hetzjagd. Eine Hetzjagd entlang der Norm. Die Vorstellungen von Urlaub, die einem so vor die Füße geworfen und in den eigenen Verstand eingebrannt sind. Frühstücken gehen. Raus fahren. Alles aufsaugen. Nichts verpassen. Das pulsieren der eigenen, doch so geliebten Stadt fühlen. Sonst ist die Zeit um und ich weiß nicht was ich eigentlich wirklich gemacht habe. Nicht das ich einfach nur stumm herumgesessen habe. Und was wäre dabei? Mein Nacken verspannt. Meine Hände krampfen und hacken starr in die Tastatur. Sonst, wenn ich so vor mich hin tippe fliegen sie leicht.


Meine Gedanken switchen zurück. Es ist Montag, eine Woche vor Urlaubsbeginn. Ich habe frei. Mein selbsternannter Slow-Mo. Denn montags verlasse ich bekanntlich nicht so gerne das Haus. Zumindest nicht aus Zwang und Müssen. Des Brotjobs wegen. Es ist also ein Slow-Mo, den beginne ich mit einem leckeren Kaffee, heute außer der Reihe beim Friseur. Mein Anliegen: bisschen so aussehen wie von der Sonne geküsst, wenn der Sommer sich schon eher wie ein langsam einschleichender Herbst-Blues-Vorgeschmack anfühlt.

Und dann kommen sie. Die gut gemeinten 0-8-15 Frisiersalon-Klischee fragen. Heute frei? Sich mal was Schönes gönnen? Und, Sommerurlaub? Schon was geplant? Wo geht’s denn hin? – Stille.

Wenn die liebe Friseurin an meiner Seite nur wüsste, dass ich nicht so der Mensch bin, der sich gerne in den Friseursessel fläzt und an sich herum zuppeln lässt. Von Entspannung bin ich weit entfernt.

Zurück zu: wo geht’s denn hin? Ich halte kurz inne, überlege was ich antworte. Sie bemerkt mein Zögern. Keine Antwort parat. Eine Millisekunde Stille und da versucht sie sich schon fast für ihre Frage zu entschuldigen. Druckst umher. Das Thema wird beendet mit: Ach, zuhause ist es ja auch immer schön. – ein Mitleidiger Blick ist ihr ins Gesicht geschrieben. Still widmet sie sich weiter meiner Blondierung.


Wieso ist es so hart in den Köpfen verankert, dass man unbedingt wegfahren muss? Und wieso habe ich in meiner so lang herbei gesehnten Auszeit den Druck im Nacken, nun doch endlich verdammt nochmal entspannt zu sein. Oder eben tausend Dinge zu unternehmen, um von dem Gefühl Abstand zu nehmen, ich würde mein Leben verleben. Neben den ganzen Projekten, die sich über das Jahr so angesammelt haben und förmlich danach schreien, endlich umgesetzt zu werden weiß ich nicht, wo mir der Kopf steht.



Mein Leben hält zu viel Wunsch nach Abenteuer, Ideen umsetzen, Projekte vorantreiben, Seele baumeln lassen und einfach mal vor sich hinschauen bereit, als sich in gesetzlich für ausreichend erklärten 20 Tage Urlaub pressen zu lassen. Ich weiß, dass das nur ein Richtwert ist und Unternehmen die Anzahl der Urlaubstage nach oben schrauben können. Machen manche. Nicht alle.


Davon abgesehen stelle ich mir eine weit größere Frage. Mir wird nicht klar, warum ich jeden Tag vollkommen überlagert durch das Leben und den Alltag wirbeln soll, um dann sehnlichst auf einen Breakdown zu warten. Um mich dann aus lauter Erschöpfung zurücklehnen darf.


Ich sehne mich nach einem freien Leben (was natürlich nicht immer nur bunt, fröhlich, blumig und stressfrei verläuft – weiß ich). Ich möchte jeden Tag das machen, wofür ich brenne. Ich möchte aufstehen und denken, heute ist ein schöner Tag. Welche Idee habe ich heute parat?

Ich möchte streunen über Blumenwiesen. Den Geruch von frisch gemähten Stoppelfeldern genießen. Ich möchte einkehren und still werden und in die Tasten tippen. Ich möchte Menschen treffen und Lebensgeschichten aufsaugen. Mir und dir lächelnd begegnen. Ohne Anrempler in der U-Bahn auf dem Weg ins Büro – aus dem Weg! Da kommt die Bahn! Und die nächste in spätestens 3min btw.

Ich möchte aussteigen. Aus diesem stressigen Leben. Ich möchte hier sein und da hin. Ich möchte reisen und umherkommen ganz nach meinem Sinn. Ich möchte nicht warten, bis ich zur Ruhe kommen darf. Ich möchte losgehen. Für mein Leben. In Freiheit. Lebendigkeit. Ja, manchmal auch ohne Plan.


Jeder Tag darf zeigen was er zu bieten hat. Ich möchte wachsen und fallen. Taumeln. Und mich drehen. Die Geschwindigkeit des Lebens manchmal übersehen und stehen bleiben.

Ich möchte, dass mein Leben mit mir Geschichten schreiben kann.


Ich geh dann mal. Nach den Sternen greifen. Anders als gewöhnlich leben. Wie mein Urlaub. Ab heute. Und jeden Tag.

Peace, Inga


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